Wie du einem trauernden Freund helfen kannst

Wenn jemand aus der Familie deines Freundes stirbt, wirst du dich vielleicht erst einmal sehr unsicher fühlen, wie du mit diesem Freund jetzt umgehen kannst.

Das ist verständlich. Unsere Gesellschaft hat uns nicht beigebracht, was in dieser Situation helfen kann. Sie hat wenig Ahnung und große Angst vor allem, was den Tod betrifft.

Vielleicht wirst du jetzt einen dieser Impulse verspüren:

  1. Weglaufen. Dich tot stellen. Aus der Distanz unverbindliche Nachrichten schreiben, von denen man weiß, dass es so von einem erwartet wird – dabei aber kein konkretes Angebot machen. „Ich bin für dich da. Melde dich, wenn du was brauchst“. Du bist aber nicht da – du bist woanders. Vielleicht weißt du, dass der andere sich nicht melden wird, weil er ganz unten ist und keine Kraft mehr hat.
  2. Du möchtest dich nähern und helfen – weißt aber nicht wie. Du willst nichts Falsches schreiben – was willst du schon sagen, schreiben, was dem anderen helfen könnte? Du, der noch nie so eine Erfahrung gemacht hat. Du willst dich nicht aufdrängen, nicht stören – woher willst du wissen, was der andere jetzt brauchen könnte. Heraus kommt: „Ich bin für dich da. Melde dich, wenn du was brauchst.“

Bitte: NICHT!

Niemand wird als Meister geboren – auch ich nicht.

Als vor vielen Jahren der Bruder einer Freundin tödlich verunglückte, wollte ich ihr unbedingt helfen. Doch ich fühlte mich so komplett überfordert mit der Situation und war noch so unwissend vom Tod. Meine Gedanken rasten hin und her in meinem Kopf, was ich jetzt sagen könnte, was sie irgendwie aufbaut, was sie aus ihrer Schockstarre reißen kann.

Ich habe versucht, sie aufzuheitern, indem ich ihr lustige Sachen erzählt habe…

Du kannst dir vorstellen, dass das nicht geholfen hat. Ganz im Gegenteil. Es hat sie sehr verletzt.

Nach langer Zeit der Scham habe ich heute vor allem Verständnis für mich damals. Hätte ich gewusst, wie es geht – ich hätte mich anders verhalten können.

Du weißt nun also, wie es NICHT geht.

Und wie geht es richtig?

 

Achtsam mit Sprache umgehen

Trauernde sind hypersensibel und extrem verletzlich.  Alles tut weh, der ganze Körper fühlt sich an wie eine einzige, offene Wunde. Jedes Wort von dir hat also besonderes Gewicht. Versuche daher, möglichst achtsam mit deiner Sprache umzugehen. Sei eher sparsam mit Worten. Wenn du nicht weißt, was du sagen sollst: sage gar nichts. Höre eher zu als selbst viel zu erzählen. Viele Menschen meinen, dass sie einem Trauernden helfen, wenn sie von eigenen Trauererfahrungen reden. Nein. Viele Trauernde fühlen sich dadurch in ihrer Trauer übergangen.

Sei ehrlich: mache nur Angebote, die du auch halten willst. Vermeide unbedingt Floskeln. Du könntest deinen trauernden Freund damit nachhaltig sehr verletzen.

Tipp: Meiner Wahrnehmung nach bist du immer auf der sicheren Seite, wenn du über deine Gefühle ehrlich kommunizierst.

Das kann dann z.B. so aussehen:

„Ich will für dich da sein. Aber ich fühle mich, weil ich sowas noch nie selbst erlebt habe, unsicher und habe Angst, etwas falsch zu machen. Ich weiß nicht, was du jetzt brauchst. Kannst du mir bitte sagen, was du jetzt brauchst?“

Die richtigen Worte zur richtigen Zeit aber auch kleine Aktionen von dir können die Welt für deinen Trauernden bedeuten.

Aktionen aus dem Herzen heraus machen

Ich habe eine Freundin, die mich immer wieder über Monate hinweg jede Woche angerufen hat. Ich sagte ihr, dass ich erstmal nicht telefonieren will und ich nicht weiß, wann überhaupt wieder. Und sie sagte: „kein Problem, ich ruf dich einfach immer wieder an und irgendwann wirst du dran gehen.“

Am Anfang hat mich das manchmal genervt – weil ich einfach nur für mich sein wollte. Und immer mehr, mit der Zeit, hat es mich beruhigt, dass es jemanden gibt, der jede Woche, wie versprochen, anruft. Egal, wie ich mich verhalte. Der keinen Druck ausübt. Der immer wieder die Hand ausstreckt.

Und ja – nach einer gewissen Zeit bin ich dran gegangen 🙂

Tipp: Lasse deiner Kreativität freien Lauf: dein Freund wirkt merken, dass es von Herzen kommt! Wenn du eher der pragmatische Typ bist, kannst du dir überlegen, ob und wo du deinem Freund im Alltag helfen kannst? Sei es, ein Essen zu kochen, mit dem Hund Gassi zu gehen oder in der Wohnung aufzuräumen – das alles kann eine riesen Stütze darstellen!

Dann gibt es noch eine kleine, aber so wirkungsvolle Sache, die du tun kannst.

DICH ERINNERN …

So, wie du dir die Geburtstage deiner Freunde abspeicherst, kannst du dir auch den Todestag des Angehörigen deines Freundes abspeichern – grundsätzlich Tage, die eine Bedeutung haben für deinen Freund: Geburtstage, Weihnachten, Vater- oder Muttertag usw. – und dich an diesem Tag bei deinem Freund melden. Besonders in den ersten 1-2 Jahren wird sich dein Freund sehr darüber freuen.

Mir war, bevor ich selbst betroffen war, ganz und gar nicht bewusst, wie wichtig so etwas sein kann und wie gut das tut. Diese Tage können sehr kritische Tage bei deinem Freund sein – Tage, an denen er Unterstützung braucht und sich ganz besonders darüber freut, dass du an ihn denkst.

Du zeigst damit: du bist mir wichtig. Ich erinnere mich heute mit dir an diesen für dich so besonderen Menschen.

Tipp: Nicht nur Jahrestage eignen sich gut zum Erinnern und Melden: du kannst dir auch Tage in einem bestimmten zeitlichen Abstand fest einplanen (z.B. jede Woche Dienstag Abend sich melden). Das kann dann zu eurem kleinen Ritual werden, das deinem Freund Halt gibt.

HALTEN

Wenn jemand stirbt, kann das ganze Leben eines Hinterbliebenen ins Schwanken geraten. Dein trauernder Freund wird Halt brauchen. Wie kannst du ihm Halt geben?

Deinen Freund halten

Trauer drückt sich auch körperlich aus – alles tut weh, man fühlt sich so schwach. In den Arm genommen zu werden, kann da unendlich gut tun.

Den Raum halten

Wenn du dich mit deinem Freund triffst und dich innerlich bereit erklärst, dass all das, was er gerade fühlt, einfach da sein darf, öffnest, hältst und stabilisierst du den Raum für ihn. Das bedeutet eine ungeheure Entlastung für deinen Freund: Gefühle können (ab)fließen.

Die eigenen Gefühle und die des Trauernden aus-halten

Es kann sich wie in der Höhle des Löwen zu sein anfühlen: deinen Freund am Boden zu sehen, das Gefühl, ihm nicht helfen zu können. Konfrontiert zu sein mit seiner Wut, Schmerz – seinem Schweigen. Die eigenen unangenehmen Gefühle wahrzunehmen. Da liegt es nahe, sich schnell zu verabschieden oder die Leere mit Worten zu füllen.

Ich finde, es ist eine Wahnsinnsleistung, zu bleiben. Alles so sein zu lassen. Auszuharren – auszuhalten. Du wirst wie ein Leuchtturm für deinen Freund – egal, wie stark der Sturm auch tobt – du bleibst da.

Tipp: Achte auf deine Atmung, wenn du die Situation kaum aushalten kannst. Versuche, mit jedem Atemzug mehr und mehr in deinen Körper zu kommen, in deinem Körper anzukommen. So bist du einerseits voll bei dir und andererseits voll präsent.

DRUCK HERAUS NEHMEN – ZEIT LASSEN – NICHT BEWERTEN

Ich habe das Gefühl, dass in unserer Gesellschaft ein Bild davon vorherrscht, wie und wie lange man richtig trauert. Und das geht so:

Wenn jemand trauert, sieht man Tränen. Sieht man keine Tränen, trauert er nicht. Am Anfang hat die Trauer ihren Höchststand und nimmt immer weiter ab, bis sie nach ein paar Monaten aufhört und der Trauernde wieder „normal“ ist.

So läuft es bei vielen Trauernden aber nicht. Trauer hat viele Gesichter und verläuft nach keinen festen Regeln.

Gerade, wenn jemand länger schwer erkrankt war und einen großen Leidensweg hatte, sind seine Angehörigen dann, wenn er stirbt, oftmals am Rande ihrer Kräfte. Häufig können sie außer einer tiefen Erschöpfung – und ja, auch manchmal Erleichterung darüber, dass das Leiden endlich ein Ende hat – erstmal gar nichts groß anderes fühlen.

Und plötzlich dann – es fällt ein Satz, es läuft ein Lied – bricht unvermittelt von hinten eine Riesenwelle über dich hinweg, die dir komplett die Füße wegreißt und dich in ihr dunkles Meer zieht.

Ich wähle bewusst den Vergleich mit einer Naturgewalt. Schmerz und Trauer sind nichts, was du deinem Willen unterwerfen und kontrollieren kannst. Sie zeigen sich, wann und wie sie es wollen.

Zurück zum gesellschaftlichen Bild vom richtigen Trauern.

Der Trauernde kennt dieses Bild natürlich auch. Er spürt diese Erwartung, diesen Druck, möglichst schnell wieder zu funktionieren, wieder „normal“ zu sein. So mancher hat Angst, ausgeschlossen, gemieden zu werden, wenn er dieser Erwartung nicht entspricht und wird sich zusammenreißen, solange er in Gesellschaft ist.

Oh Mann, wie traurig.

Du ahnst, was du als guter Freund tun kannst?

Versuche, Druck abzubauen und gib deinem Freund Zeit.

Sag ihm, dass es kein Limit gibt, bis zu dem er mit dem Trauern aufhören muss. Dass er sich nicht zu einem bestimmten Verhalten zwingen muss.

Dass er sich dir jederzeit so zeigen darf, wie er sich gerade fühlt – ohne bewertet oder verlassen zu werden.

Das wird eine riesen Erleichterung für deinen Freund darstellen.

 

Was ist dein "Job"? - und was nicht?

Ganz ehrlich: jemanden, der trauert, zu unterstützen, kann ein harter Job sein. Das Verhalten Trauernder scheint manchmal unberechenbar: Sie können dich aus ihrem Schmerz heraus unfair behandeln und verletzen – einfach, weil du gerade da bist – nicht, weil du der Grund bist.

Und wenn du dir das klar machst – dass du eben nicht der Grund bist, sondern dieser tiefe, tiefe Schmerz über den Verlust. Vielleicht kannst du dann drüber stehen – wie ein Fels in der Brandung den Schmerz des Trauernden um dich herum fließen lassen? Ansonsten steht es dir frei, zu sagen, wenn dich etwas verletzt – du musst nicht alles klaglos ertragen.

Vielleicht hilft es dir, wenn du erkennst, dass es nicht deine Aufgabe ist, den Trauernden zu retten oder seine Gefühle für ihn zu übernehmen. Das ist nicht dein Job und wäre auch alles andere als gesund für dich!

Nicht nur der Umgang mit dem Trauernden kann eine Herausforderung für dich sein. Du selbst wirst in dir einigen existentiellen Themen begegnen, die sich nicht gerade angenehm anfühlen: deine Angst, selbst einen geliebten Menschen zu verlieren, dein Verhältnis zu negativen Gefühlen wie Trauer, Wut, Schmerz und schlussendlich deine Einstellung zum Tod.

Ok, irgendwie klingt das nicht nach einer schönen Aufgabe, sondern ziemlich kompliziert, anstrengend und unangenehm.

Lass dich dennoch nicht davon abhalten, denn dieser „Job“ ist es wert 🙂

Denn da passiert etwas, auf einer ganz tiefen Ebene, es entsteht eine Verbindung zwischen euch, die du im „normalen“ Leben nicht herstellen könntest. Ihr könnt gemeinsam Bereiche betreten, zu denen ihr noch keinen Zugang hattet. Alles wird tiefer, echter. Und ja – lebendiger.

Indem du mit deinem Freund mitfühlst und mitlernst, öffnest du dich auch gleichzeitig für die Sterbe- und Todesthemen in DEINEM Leben: du fragst dich dann vielleicht: was würde ich tun, wenn meine Mutter stirbt? Habe ich mein Leben bisher so gelebt, dass ich jetzt schon gehen könnte? Mit wem möchte ich mich aussprechen?

Du bekommst also die Möglichkeit, in Ruhe Themen bei dir klären, BEVOR sie auch dich und deine Familie treffen und dein Leben positiv in andere Bahnen zu lenken.

Und zu guter Letzt: du hilfst einem anderen Menschen – das ist eine hohe Form des Dienens und ein Weg zum eigenen Glück. Du tust etwas zutiefst Sinnvolles.

Für den Fall, dass der Angehörige deines Freundes schon länger verstorben sein sollte und du Hemmungen hast, dich bei deinem Freund zu melden, weil du das Gefühl hast: „jetzt ist es zu spät. Fehler lassen sich nicht rückgängig machen“ – sage ich dir: es ist nie zu spät. Und: es ist es IMMER wert!

Also: egal, wo du mit deinem Freund gerade stehst, nimm dir ein Herz und mache einen ersten Schritt.

Mach dir bewusst: hier geht es nicht darum, alles perfekt zu machen oder alles auf einen Schlag umzusetzen.

Fang mit einer Sache an.

JEDE Umarmung, jedes echte Interesse, jedes Mal, wenn du dich mit deinem Freund erinnerst, zählt und ist wertvoll.

Also: trau dich! Du kannst das!!!

1 Kommentar zu „Wie du einem trauernden Freund helfen kannst“

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