Take a risk

Woher das Wort Risiko kommt, ist nicht eindeutig geklärt. Mir gefällt die Ableitung vom spanischen risco, was Klippe bedeutet. Als würde man, indem man was riskiert, die feste Landmasse verlassen, mit Anlauf von der Klippe springen, ins Ungewisse hinein.

David und die Superheroes

Sheila O’Malley versank nach dem Tod ihres Vaters in eine tiefe Depression. Sie zog um und schaffte es über Monate nicht, ihre Umzugskartons auszuräumen.

Ihr alter Freund David konnte das nicht mehr mit anschauen und trommelte heimlich weitere Freunde von Sheila zusammen: „Sheila kämpft so sehr – sie braucht unsere Hilfe“, mailte er ihnen „lasst uns zu ihr fahren, ihre Kisten ausräumen! Bringt Essen mit – let´s make it fun!“

Sheilas anfängliche Einwände und Widerworte wurden ignoriert und die Gruppe machte sich ans Werk, putze, räumte aus, warf weg, hängte Bilder auf, machte Essen. Nur Stunden später war aus einer Wohnung mit unausgepackten Kisten Sheilas Zuhause geworden.

David hatte die Initiative übernommen – hatte etwas riskiert. Es hätte schief gehen könne, das haben riskante Sachen so an sich. Sheila hätte es als übergriffig, rücksichtlos und unverschämt aufnehmen können. Aber heißt es nicht so schön: wer nicht wagt, der nicht gewinnt?

Und gewonnen hatten sie: Sheila war WIRKLICH geholfen worden – in einer Zeit, in der sie in ihrem Leben feststeckte und sie sich alleine nicht mehr helfen konnte, kamen ihre Freunde und brachten Bewegung und Leben hinein.

Melde dich, wenn du was brauchst

Warum ist diese kleine Geschichte so besonders? Weil es meistens anders abläuft.

Hast du jemanden verloren, wirst du einen Satz wahrscheinlich öfter hören: „Melde dich, wenn du was brauchst.“ Und: „Ich bin immer für dich da“. Gerne geschrieben per WhatsApp, bestimmt gut gemeint. Nicht hilfreich.

Denn wenn ich jemanden, den ich liebe, verloren habe, hat sich alles für mich verändert. Die Welt ist dunkel geworden, es tut mir alles weh. Ich bekomme die kleinsten Dinge nicht mehr hin, schäme mich deswegen. Sitze alleine in der Dunkelheit, kann mich nicht bewegen, kann nicht auf euch zu gehen. Ja, ich brauche euch – auch, wenn ich nicht weiß, was ich brauche, schrieb Leonie Andersen vor kurzem.

Und hier ist das Dilemma. Auf der einen Seite der Trauernde, der das Gefühl hat, festzustecken, sich nicht mehr bewegen zu können. Auf der anderen Seite die Freunde, die nicht wissen, wie sie mit dem Trauernden umgehen können und die Angst haben (warum Unwissen, wovor Angst? Dazu könnt ihr bald hier mehr lesen). Wir haben also zwei Parteien, die sich nicht bewegen (können/ wollen). Wenn das so bleibt, und das tut es in vielen Fällen, können tiefe Enttäuschung, Verletzung,  Entfremdung und Freundschaftsabbruch die Folge sein.

Ok. Mindestens einer von beiden muss sich also in Bewegung setzen…

Muss das immer der Freund sein?

Wie du als Trauernder auf andere zugehst

Es heißt immer, es sei allein an den Freunden, auf den Trauernden zuzugehen. Wenn der Verlust eines Menschen ganz frisch oder stark traumatisch ist, ist das auch so.

Aber dann – oder vielleicht auch schon währenddessen? – lieber Mensch, der du jemanden verloren hast: nimm dein Glück in die Hand und trau dich! Melde dich bei deinen Freunden, die dir wichtig sind. Offenbare dich und deine Gefühle, deine Wut und deinen Schmerz und schau, was passiert.

Warum solltest du das machen? Du, der an manchen Tagen keine Kraft hat, vor die Tür zu gehen. Der vielleicht von dem Verhalten seiner Freunde verletzt ist.

Weil du gewinnen wirst.

Es wird etwas passieren, und sei es „nur“, dass Bewegung in dein starres System, in dein Leben kommt – unabhängig davon, wie deine Freunde reagieren.

Wahrscheinlich geschieht aber noch viel mehr: du und dein Freund lernt euch besser und tiefer kennen, als es vorher je möglich gewesen wäre. Ihr betretet ein neues Level eurer Freundschaft. Echte Verbindung entsteht. Du bekommst Kraft und Unterstützung.

Natürlich kann es geschehen, dass jemand mit dir überfordert ist. Mach dir klar, dass die meisten Menschen große Angst vor dem Tod haben und dass es in unserer Gesellschaft kaum noch feste Rituale und Formen gibt, wie man einem Trauernden begegnen kann (hier entsteht schon bald ein Beitrag zum Thema „wie der Tod aus unserem Leben verschwand“). Selbst in diesem Fall der scheinbaren Ablehnung (= Angst) durch deinen Freund gewinnst du: Klarheit. Dieser Mensch geht diese Phase deines Lebens oder auch alle anderen nicht mit dir mit und das ist ok so. Es wird keine weitere Energie mehr von dieser Beziehung abgezogen, du kannst die Energie anders verwenden.

Indem du einen so nahen Menschen verloren hast, hast du eine neue Dimension betreten, in der dir deine Freunde, die diese Erfahrung noch nicht gemacht haben, nicht folgen können, wenn du ihnen nicht die Hand ausstreckst und sie hinüberziehst.

 

Öffne ihnen dein Herz, damit sie einen Zugang zu dir finden können.


Lass sie in deine Welt kommen,
 lass sie dich unterstützen, lasse sie
von deiner Erfahrung lernen.

 

Erfahre hier: Wie du einem trauernden Freund helfen kannst

 

Interessante Beiträge

Die Geschichte von Sheila könnt ihr hier nachlesen.

Leonie Andersens großartiger Artikel über den Tod
und die Trauer um ihren Vater findet ihr hier.

Kommentar verfassen

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Scroll to Top