Wie du mit deinem Angehörigen über sein Sterben sprechen kannst

Es ist schier unmöglich, zu sagen, wann aus einem schwerkranken Menschen ein Sterbender wird. Vielleicht mag es in der Rückschau einen Punkt gegeben haben, an dem das Ganze kippte – so, wie es z.B. bei einem Krebskranken einen Punkt gibt, an dem die erste Zelle im Körper entartet und so den Grundstein zu einem Tumor legt. Dieser Punkt geschieht zwar, aber er geschieht unbemerkt und für das Außen unsichtbar.

So nehmen wir meist auch Sterben wahr: Als fließenden Prozess, in dem das eine (das Schwerkrank-Sein) unmerklich in das andere (ins Sterben) übergeht.

Vielleicht bist du gerade an diesem Punkt, an dem du das Gefühl hast, dass dein Angehöriger bald sterben könnte? Und du fühlst dich unsicher, ob du mit ihm darüber sprechen sollst – es überhaupt darfst?

Bevor ich dir erzähle, was und wie du es tun kannst, schauen wir uns erstmal die Perspektive des Sterbenden an.

Wie denkt der Sterbende darüber?

Viele Sterbende nehmen ihren Zustand klar wahr. Einige versuchen, mit ihren Angehörigen über ihr Sterben zu sprechen. Dabei tasten sie sich ganz zart vor. Wenn sie merken, dass ihre Angehörigen abblocken und nicht darüber sprechen wollen, stellen auch die Sterbenden ihre Bemühungen darüber ein, um ihre Angehörigen nicht zusätzlich zu belasten. Für sie selbst kann es dabei eine große Belastung darstellen, nicht über ihr Sterben, ihre Sorgen, Ängste und Bedürfnisse diesbezüglich sprechen zu können. Sie ziehen sich in sich zurück, werden still – reißen sich zusammen oder versuchen, für ihre Angehörigen zuversichtlich zu wirken. Das alles kostet den Sterbenden zusätzliche Energie, die er eigentlich woanders bräuchte.

„Mein Vater signalisierte mir Wochen, bevor er ging, seine Bereitschaft, über seinen Tod zu sprechen, indem er mich darauf hinwies, wo bei ihm zu Hause im Falle des Falles wichtige Unterlagen zu finden seien.

Ich habe das abgetan, wollte nichts hören. Danach hat er nicht mehr versucht, es anzusprechen, sondern bis zuletzt immer nur noch gesagt: „Das wird schon wieder“, wahrscheinlich, um mich zu schonen. 

Es berührt mich bis heute, dass ich ihm und mir damals die Chance auf dieses Gespräch genommen habe. Gleichzeitig habe ich Verständnis für mich. Zu schlimm war der Gedanke, ihn –  kurz nach meiner Mutter – auch noch zu verlieren. Ich schaltete auf Verdrängen, um funktionieren und überleben zu können.“

Es gibt aber auch Sterbende, die ihren Zustand verdrängen und mit Abwehr auf alles reagieren, was ihr Sterben zum Thema hat.

Was spricht dagegen, mit deinem Angehörigen über sein Sterben zu sprechen?

Schauen wir uns einmal an, was gegen so ein Gespräch sprechen könnte.

Da wäre zum einen die Angst deines Angehörigen: Wenn er bisher seinen Zustand verdrängt hat, und/ oder mit dem Sterben große Ängste verbindet, wird eine Konfrontation damit eventuell erstmal schmerzhaft für ihn sein.

Dann gibt es da noch deine eigene Angst.

Die Angst,

  • … vor dem Tod im Allgemeinen und vor dem Tod deines Angehörigen im Speziellen – überhaupt den Gedanken zuzulassen, dass dein Angehöriger bald gehen könnte und wie ein Leben ohne ihn sein wird
  • … etwas Falsches zu sagen und damit deinen Angehörigen zu verletzen
  • … mit diesem Gespräch bei deinem Angehörigen die Angst vor dem Tod zu schüren oder gar erst zu wecken
  • … vor einer negativ-emotionalen Reaktion deines Angehörigen (Wut, Verärgerung usw.)
  • … deinem Angehörigen zu früh oder ungerechtfertigt die Hoffnung auf Gesundung zu nehmen

Zudem wirst du vielleicht eine große Unsicherheit spüren, ob dein Angehöriger wirklich schon stirbt oder „nur“ schwerkrank eine Krise durchmacht. Diese Unsicherheit hängt mit der Unmöglichkeit zusammen, sagen zu können, wann Sterben beginnt, wie ich es am Anfang dieses Artikels beschrieben habe.

Nochmal zusammenfassend sind die Argumente gegen ein solches Gespräch Angst und Unsicherheit.

Aber: Sind Angst und Unsicherheit wirkliche Gründe?

Das entscheidest du.

Du entscheidest, inwieweit du dich durch Angst und Unsicherheit in deinem Leben leiten lässt.

Wenn du einen Menschen, der dir sehr nahe steht, durch sein Sterben begleitest, gehst du einen sehr herausfordernden Weg. Spüre in dich hinein – und tue es mit einem wohlwollenden Blick auf dich – wo du dich schon deinen Ängsten stellen kannst – und wo du noch bei ihnen verweilen möchtest. Zu viel zu schnell anpacken und verändern zu wollen, kann dein System extrem überlasten.

Gehe in kleinen Schritten, mach es machbar.

Gehe behutsam vor und erzwinge nichts: Vielleicht gehörst du auch zu jenen Familien, die dieses Gespräch schlichtweg nicht brauchen, weil zwischen ihnen Frieden, Harmonie und Klarheit herrschen – und sich solch ein Gespräch einfach erzwungen und falsch anfühlt?

So, jetzt höre ich mich an, als würde ich dir dringend von so einem Gespräch abraten wollen 🙂

Das ist nicht meine Absicht. Meine Absicht ist es, dir zu zeigen, dass es viele Möglichkeiten und Arten gibt auf diesem deinen Weg – damit du den gehst, der richtig für dich ist.

Was sind die Chancen eines Darüber-Sprechens?

Dein Sterbender bekommt die Möglichkeit, sich noch intensiver auf seinen Tod vorzubereiten und die Zeit bis dahin nach seinen Bedürfnissen zu gestalten. Vielleicht sind es ganz alltägliche Dinge, die er noch regeln möchte? Treiben ihn Sorgen und Ängste bezüglich seines Sterbens um? Möchte er sich noch mit Jemanden aussprechen, vergeben oder um Vergebung bitten?

Was es auch sei: Durch dieses Gespräch, durch das Anerkennen des Sterbens, kann sich ein Raum öffnen, indem ihr euch ehrlich, tief und berührend austauschen und die wertvolle Zeit, die noch bleibt, ganz anders, intensiv und echt miteinander nutzen könnt.

Eine riesen Entlastung kann auf beiden Seiten geschehen: Endlich ist der rosa Elefant im Raum benannt, endlich ist ein offenes Sprechen darüber möglich, endlich können Gefühle und Bedürfnisse ausgedrückt werden.

Eine Illusion aufrecht zu erhalten kostet wahnsinnig viel Energie. Und wenn dann die Illusion geht – du kennst das vielleicht von einer Freundschaft oder Beziehung, die eigentlich schon tot war – dann wird da vielleicht erstmal Schmerz sein. Ehrlicher, frischer Schmerz – und danach oftmals einfach Frieden und Ruhe.

Meiner Erfahrung nach wird Mut IMMER belohnt!

Es lohnt sich immer, durch seine Angst zu gehen und mutig seinem Herzen zu folgen.

Wie du nun vorgehen kannst

Wann ist der richtige Zeitpunkt?

Eigentlich gibt es – wie immer beim Tod – kein „zu früh“: Prinzipiell kannst du dich jederzeit mit deinen Angehörigen zu euren Einstellungen und Gefühlen diesbezüglich austauschen.

Der richtige Zeitpunkt ist, wenn du ihn fühlst und wenn möglichst bestimmte Rahmenbedingungen passen.

Welche Rahmenbedingungen sind von Vorteil?

Als kleine Anhaltspunkte können dir diese dienen:

Ist dein Angehöriger bei klarem Bewusstsein? Ist er schmerz- bzw. genügend beschwerdefrei, um sich auf euer Gespräch konzentrieren zu können?

Wie sieht es bei dir aus: Möchtest du Jemanden bei diesem Gespräch dabei haben und ist dies auch für deinen sterbenden Angehörigen in Ordnung?

Ist für Ruhe gesorgt – (wann) könnt ihr ungestört sprechen?

Für diese Art von Gespräch ist es Voraussetzung, dass dein Angehöriger geistig noch voll da ist. Wie du mit einem Sterbenden kommunizierst, der nicht mehr voll ansprechbar ist oder bei dem der finale Sterbeprozess eingesetzt hat, erzähle ich dir bald hier.

Was kannst du sagen?

Ich lehne mich in meiner Kommunikation u.a. an die gewaltfreie Kommunikation an. In der Praxis klingt das zwar manchmal etwas hölzern, ist aber als grundsätzliche Struktur in Vielem empfehlenswert.

Es geht – ganz grob gesagt – darum, dass du sagst,

  • Was du wahrnimmst
  • Was du fühlst
  • Was du brauchst
  • Worum du bittest
  • Und dann wendest du das Ganze auf den anderen an (fragst, was er wahrnimmst, fühlt usw.)

Umgemünzt auf die Eröffnung eines Gespräches mit einem Sterbenden könnte das dann so ablaufen:

„Ich nehme wahr, dass es da etwas gibt, über das wir in unserer Familie bisher nicht offen gesprochen haben. Es geht um die Schwere deiner Krankheit und alles, was dazu gehört.

Ich habe gerade wirklich sehr Angst und fühle mich unsicher, das bei dir anzusprechen und gleichzeitig ist es mir unglaublich wichtig, mit dir darüber zu sprechen.

Bitte hake ein, wenn es für dich zuviel wird.

Wie geht es dir mit deiner Erkrankung? Wie nimmst du deine Situation wahr? Wie kann ich dich unterstützen? Was brauchst du?“

Wie du siehst, habe ich hier die Worte „Sterben“ und „Tod“ nicht verwendet. Du kannst sie natürlich verwenden, du kannst direkter vorgehen oder dich noch sanfter vortasten. Dies hier dient nur einer groben, möglichen Struktur – gut möglich, dass dein Angehöriger schon nach deinem ersten Satz etwas dazu sagt und sich ein natürliches Gespräch zwischen euch dazu entspinnt.

Auch diesen Satz, gefunden bei Reinhard Tausch (in: sanftes Sterben, S. 148), finde ich hilfreich:

„Ich möchte mit dir über alles sprechen, auch über die Schwere der Krankheit und auch über ein mögliches Sterben. Aber ich weiß nicht, ob du das möchtest, ob es dich vielleicht zu sehr belastet?“

Falls dich das alles überfordert und verwirrt: Ich helfe dir gerne dabei, das Gespräch mit deinem Angehörigen vorzubereiten und begleite dich auf weiteren Herausforderungen deines Weges (siehe hier).

„Glaubst du, dass du bald sterben musst?“,

frage ich meine Mutter, zwei Wochen vor ihrem Tod, und stehe mit klopfendem Herzen am Türrahmen ihres Schlafzimmers.

„Ja“, antwortet sie ausdruckslos.

Ich gehe ein paar Schritte in den Raum, stehe unsicher da. Ich muss mich überwinden. „Hast du Angst?“, will ich wissen.

„Nein“, sagt sie „ich fühle gar nichts mehr“.

Irgendwie beruhigt mich diese Aussage und gleichzeitig fühle ich im Gegensatz zu ihr so viel. Diese Gefühle kämpfen sich jetzt nach oben, meine Kehle wird eng und ich merke, wie meine Augen anfangen zu brennen. Ich will jetzt nicht weinen – bitte nicht vor ihr – aber ich kann nicht anders.

Sie klopft schwach mit der Hand aufs Bett und ich setze mich zu ihr auf die Bettkante. Wie sie da so liegt, so dünn und ausgezehrt, scheint sie in dem großen Elternbett fast zu verschwinden. Ich senke den Blick, meine Hände zittern.

„Zwischen uns, da passt kein Blatt“, sie räuspert sich und fährt fort „da ist alles gesagt“.

Ich weiß, was sie meint: zwischen uns ist alles geklärt und alles gut.

Jahre später werde ich denken, dass nicht alles zwischen uns klar und geklärt war, dass ich noch viel ohne sie, mit ihr bearbeiten musste.

Und trotzdem: In diesem Moment stimmt es und es ist alles gut und alles geklärt zwischen uns.

„Ja“, sage ich und nehme ihre Hand.

1 Kommentar zu „Wie du mit deinem Angehörigen über sein Sterben sprechen kannst“

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