Sterbefasten

Jeder Mensch hat ein ganz eigenes Maß.
Ein Maß, das er braucht, um sich wohlfühlen, ein Maß, das sagt – es ist zu viel.
Und eines, das sagt: es ist genug.

Als Metastasen bei meiner Mutter auftauchten, zeigte sie plötzlich große Angst vor dem Sterben. Sie  besorgte sich Tabletten, die sie nehmen könnte „wenn es zu schlimm werden sollte“. Ich glaube, sie – wir – kannten damals nur natürliches Sterben und Sterbehilfe bzw. Suizid, um aus dem Leben zu scheiden. 

Es gibt aber eine Form, die sich in der Grauzone dazwischen bewegt, seit Jahrtausenden auf ihre stille Art vielleicht so selbstverständlich ist, dass sie bisher nicht groß thematisiert wurde:

Das Sterbefasten

Sterbefasten bedeutet den freiwilligen Verzicht auf Nahrung und Flüssigkeit (auch FVNF genannt). Sterbefasten ist in der Regel nur für schwerkranke und sehr alte Menschen geeignet, da diese kein ausgeprägtes Durst- und Hungergefühl mehr haben
(im Gegensatz zu jungen Menschen).

Es gibt Menschen, die mit dem Trinken und Essen auf einen Schlag aufhören – und solche, die es schrittweise reduzieren – oder es zwischenzeitlich (immer) wieder aufnehmen. Je nach körperlicher Verfassung und dem Trink- und Essverhalten sterben manche schon nach ein paar Tagen – bei anderen kann es mehrere Wochen dauern. Im Durchschnitt sterben Sterbefastende nach 16 Tagen. 

Es scheint den meisten – den Umständen entsprechend – gut zu gehen.

Nach ungefähr zwei  Tagen schaltet der Körper in den Fastenmodus und produziert Endorphine, Stoffe, die für ein Glücksgefühl sorgen. Hier fangen manche nochmal mit Essen und Trinken an, weil sie wieder an Lebenslust gewonnen haben. Nach etwa fünf bis sieben Tagen konsequenten Fastens stellen sich die Nieren um – und der Prozess ist nicht mehr umkehrbar. Da die Toxine, die ansonsten über den Urin ausgeschieden werden, nicht mehr entsorgt werden können, stauen sie sich im Körper und lassen den Sterbenden immer schläfriger werden. Viele schlafen dann sozusagen hinüber und sterben an einem Herzstillstand.

Manche Menschen bekommen im Sterbeprozess – und das ist beim Sterbefasten nicht anders – Beschwerden wie z.B. Schmerzen oder starke Unruhe, in der sie medizinische Unterstützung benötigen.

Falls dein schwerkranker Angehöriger den Wunsch äußert bzw. den Entschluss gefasst hat, auf Flüssigkeiten und Nahrung zu verzichten, ist es hilfreich, diese Fragen VOR Beginn des Sterbefastens mit ihm zu klären:

Was sind die Beweggründe? Unter welchen Bedingungen und in welcher Verfassung wurde der Entschluss gefasst?

Das heißt dann im Detail:

Aus welchen Gründen möchte dein Angehöriger vorzeitig sterben?

Stehen bestimmte Ängste hinter dem Entschluss (z.B. unter großen Schmerzen oder alleine zu sterben)? Und können diese Ängste (z.B. durch ein Gespräch mit einem Palliativmediziner  über die Möglichkeiten der Schmerzversorgung) geklärt werden?

In einigen Fällen schwindet nämlich mit der Angst auch der Wunsch, vorzeitig gehen zu wollen.

So war es z.B. bei meiner Mutter – nachdem sie erlebt hatte, wie gut sie von der Palliativstation umsorgt wurde, waren ein vorzeitiges Sterben bzw. die Tabletten kein Thema mehr und sie entsorgte sie.

Ist der Entschluss absolut freiwillig entstanden?

Oder fühlt sich der Schwerkranke in irgendeiner Form oder von jemanden unter Druck gesetzt?

Wenn möglich, den freiwilligen Entschluss schriftlich festhalten – am besten vor Zeugen, die mitunterzeichnen sowie ggf. einem Arzt.

Ist der Entschluss bei klarem Bewusstsein getroffen worden?

Eine Patientenverfügung (plus ggf. Vorsorgevollmacht für eine Person, der der Fastenwillige vertraut) kann hier zudem sehr sinnvoll sein, in der der klare Wille deines Angehörigen möglichst genau festgehalten wird.

Ist der Entschluss wohl überlegt?

Ist dein Angehöriger gut informiert über medizinische Folgen und weiß er Bescheid, dass er es sich auch zwischendurch anders überlegen kann – eine Umkehr aber nur bis zu fünf bis sieben Tagen nach Einstellen von Nahrung und Trinken möglich ist?

Essentiell wichtig ist auch eine gute Vorbereitung – nicht Knall auf Fall mit Essen und Trinken aufhören!

Zu klären ist hier:

Gibt es ein Netz aus guten Helfern?

Das sind zum einen weitere Familienangehörige, Freunde oder gute Bekannte, die sich mit dir beim Sterbenden abwechseln oder euch mit ganz praktischen Dingen wie Einkaufen oder Kochen oder auch in einem Gespräch, in dem du dein Herz ausschüttest, helfen können. 

Ich habe die Erfahrung gemacht, dass Außenstehende gerne helfen, oft aber nicht wissen, was und wie. Deswegen: frage Menschen in deinem Umfeld um konkrete Hilfe und spreche bei Personen deines Vertrauens über deine Gefühle. Du gehst durch eine unglaublich intensive und teils sehr schmerzvolle Zeit – du brauchst Entlastung und Unterstützung!

Des Weiteren braucht es mindestens einen guten Arzt, zu dem ein Vertrauensverhältnis besteht (Hausarzt und / oder Palliativarzt)  und kompetente Pfleger. Unterstützung findest du z.B. beim SAPV (spezialisierte ambulante Palliativversorgung) und einer Vielzahl von verschiedenen Pflegediensten.

Ist der Sterbeort geeignet?

Fühlt sich dein Angehöriger dort wohl? Wird er gut ver- und umsorgt? Darf er seinen Wunsch, zu sterbefasten, dort leben?

WÄHREND des Sterbefastens ist wichtig zu beachten:

Eine gute Mundhygiene!

Sie ist das A und O.

Denn durch das Befeuchten der Mundhöhle wird ein Genug-getrunken-Gefühl simuliert. Zudem beugt es Problemen mit bakteriellen oder Pilzerkrankungen im Mundraum vor, die durch die Trockenheit ansonsten begünstigt werden würden.

Es gibt verschiedene Arten der Mundpflege: gängig sind Sprays oder mit Wasser getränkte Wattestäbchen.

Die Mundpflege kann von dir bzw. euch als Angehörige und von Pflegern ausgeführt werden.

Es kann sein, dass dein Angehöriger (trotzdem) Durstgefühle oder auch Lust bekommt, wieder etwas zu trinken oder zu essen. Es ist ratsam, ihm immer in Reichweite ein Glas Wasser zu stellen und auch zwischendurch immer wieder etwas anzubieten.

Er verlängert zwar so seinen Sterbeprozess, aber es muss ihm ermöglicht werden, sein ganz eigenes Tempo zu gehen – oder alles sogar wieder zu verwerfen!

Für dich als Angehörigen kann das mögliche, scheinbare Hin-und-Her eine zusätzliche nervliche Belastung darstellen – umso wichtiger ist es, ein gutes Netz an Unterstützern zu haben.

Gleichzeitigt birgt Sterbefasten eine große Chance: bewusstes Sterben zu begleiten. Vielleicht all jene einzuladen, die wichtig sind für den Sterbenden – um noch einmal Schönes zu durchleben, sich auszusprechen, zu danken und bewusst Abschied zu nehmen.

In dieser Frage herrscht Uneinigkeit. Manche sehen es als Form des Suizids, andere als fast natürliche, sanfte und humane Art des Sterbens.

Aus rechtlicher Sicht ist in Deutschland alleinig die aktive Sterbehilfe verboten (das ist z.B. der Fall, wenn man Jemanden eigenhändig – auf dessen Verlangen hin – die Giftspritze setzt). 

Alle anderen Formen der Sterbehilfe (passive, indirekte und assistierte) sind hier erlaubt bzw. grundsätzlich straffrei.

Somit ist auch alle Hilfe beim Sterbefasten erlaubt, die Folgendes beinhalten:

  • Abbruch bzw. Reduzierung aller lebensverlängernden Maßnahmen
  • Linderung von Symptomen (auch unter Inkaufnahme der Lebenszeitverkürzung, z.B. durch Morphiumgaben)
  • Bereitstellung von (meist medikamentösen) Mitteln zur Selbsttötung (wieder straffrei seit Februar 2020).

Für mich ist die Frage, ob Sterbefasten einem Suizid gleichkommt, aus noch einem ganz anderen Blickwinkel relevant.

Aus spiritueller Sicht

Ich glaube an Wiedergeburt, Karma, den freien Willen eines Menschen und die Weisheit der Natur. Und deshalb frage ich mich:

Wenn Sterbefasten ein Suizid ist – wenn man also sein Leben vor seiner Zeit beendet – was hat das für Auswirkungen auf das nachtodliche Leben – oder auf das nächste Leben? Mache ich dann an diesem Punkt weiter? Welche Auswirkungen wird das auf mein nächstes Leben haben? Mir geht es hier nicht um Richtig oder Falsch – sondern um die Folgen eines Tuns (und jedes Tun hat Folgen).

Was ist mit dem freien Willen und dem Recht auf Selbstbestimmung eines jeden Menschen? Wer kann sich dazwischen stellen, wenn jemand sagt: ich will gehen, denn es ist mein Leben, mein Tod – wer will sich darüber stellen?

Ich sehe außerdem eine Gesellschaft, in der das Leben zu verkürzen verwerflich, ein Verlängern des Lebens (durch Intensivmedizin) aber wünschenswert ist. Eine Gesellschaft, die den Tod als Ungerechtigkeit, ja geradezu als Unverschämtheit empfindet, die versucht auszuhandeln, ab welchem Alter und unter welchen Umständen der Tod – wenn er schon sein muss – ok ist.

Was wissen wir schon von einem Menschen, für den der Tod einer Erlösung darstellt und das Leben eine Qual? Der spürt, dass es soweit ist und dass es in Ordnung ist zu gehen? Wer will hier urteilen?

In der Suche nach Antworten schaue ich auf die größte Weisheit auf der Erde, die ich kenne: die Natur.

Schon als Kind konnte ich beobachten, dass sich manche Katzen, wenn es ans Sterben ging, immer weniger nach Hause kamen, immer weniger fraßen und sich immer weiter zurückzogen, bis sie irgendwann ganz weg blieben, um dann später tot unter einem Busch gefunden zu werden. Auch bei Naturvölkern wie den Eskimos oder Indianern entfernten sich oftmals sehr alte Menschen von ihrer Gemeinschaft und blieben zurück, ohne Nahrung, um in der Wildnis zu sterben. Von den australischen Ureinwohnern, den Aborigines, heißt es sogar, dass sie – wenn sie die Erde verlassen wollten – sich von der Gruppe absonderten, sich hinsetzten und innerhalb von Minuten ihre Organfunktionen komplett einstellten.

Also tendieren naturnahe Lebewesen dazu, wenn sie spüren, dass es an der Zeit ist, sich selbstbestimmt zurückzuziehen und die Nahrungsaufnahme einzustellen?

Hmm … das mag ein wichtiger Hinweis zur Beantwortung meiner Fragen sein. Aber im Letzten sehe ich es so: jeder Mensch ist ein eigener Kosmos. Ein einzigartiges Wunderwerk aus Seele, Geist und Körper.

Das, was er erlebt hat, hat kein anderer erlebt. Nur er fühlt die Gefühle in der Weise, wie er sie fühlt. Nur er weiß, was er mag – und was nicht. Wieviel Leid und Schmerz er ertragen kann und wieviel nicht.

Und so mag es für jeden Menschen immer nur eine wahre Antwort geben: seine Antwort. Denn:

Jeder Mensch hat ein ganz eigenes Maß. Ein Maß, das er braucht, um sich wohlfühlen, ein Maß, das sagt – es ist zu viel. Und eines, das sagt: es ist genug.

Quellen:
www.sterbefasten.org
www.sterbefasten.com
www.deinadieu.ch

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