Hast du ständig Schuldgefühle und ein schlechtes Gewissen?

Als meine Eltern erkrankt waren, hatte ich ständig ein schlechtes Gewissen und Schuldgefühle, wenn ich nicht bei ihnen war, wenn ich in den Urlaub fuhr oder mein Handy mal ausmachte. Ich fühlte mich für sie verantwortlich: Wie konnte ich lachen, wenn sie litten? Wie konnte ich meinen Urlaub genießen, wenn sie schwerkrank zu Hause waren? Wie konnte ich mich um mich und um mein Weiterkommen kümmern, wo sie doch meine ungeteilte Aufmerksamkeit brauchten?

Waren meine Schuldgefühle aktiv, zogen sie mich wie magisch zu denjenigen hin, denen ich mich verpflichtet fühlte – und lähmten mich gleichzeitig in meinem eigenen Leben. Egal, wo ich war – egal, was ich tat: Ich war nicht mehr frei.

Wie konnte es dazu kommen?

Schuldgefühle

Es gibt zwei Arten von Schuldgefühlen.

Das sind zum einen berechtigte Schuldgefühle. Du hast etwas gesagt oder getan, was jemandem tatsächlich geschadet hat. Wenn du es wieder gut machst oder/ und dich entschuldigst, ist es in der Regel wieder gut.

Zum anderen gibt es unberechtigte Schuldgefühle. Um sie soll es hier gehen – denn es sind fast immer unberechtigte Schuldgefühle, die dir Probleme machen.

Schuldgefühle sind oftmals diffus. Du fühlst dich, als wärst du grundsätzlich ein schlechter Mensch und grundsätzlich falsch. Ständig hast du Angst vor Bestrafung – aber fragst du nach einem konkreten Grund für deine Schuldgefühle, ist da … nichts. Zumindest nichts Handfestes.

Oft fühlen sich Schuldgefühle so an:

Metallisch. Schwer. Dumpf. Dunkel. Neblig. Kalt. Klebrig. Als würde man in einer giftigen Wolke stehen. Ziehend. Wie gelähmt fühlen. Gedanken drehen sich im Kreis. Sich falsch, klein und schlecht fühlen. Angst haben vor Bestrafung. Das Gefühl haben, dass man bestimmte eigene Lebensbereiche gar nicht mehr wahrnehmen kann (z.B. eigene Gesundheit, berufliches Fortkommen). Scham empfinden.

Ursachen von Schuldgefühlen

Die Ursachen von unberechtigten Schuldgefühlen sind vielfältig und sehr komplex. Ich nenne dir die, die ich für zentral halte.

Sehr häufig übernehmen wir – meist unbewusst – Schuld und Schuldgefühle von anderen

  • …  durch die Vererbung traumatischer Erlebnisse der Generationen vor uns (mittlerweile durch die Epigenetik z.B. in der Veränderung des Erbguts der Nachfahren von Holocaust-Opfern nachgewiesen),

  • … durch die Übernahme falscher Rollen und fremder Gefühle  im Familiensystem (dazu später mehr),

  • … durch Programme von gesellschaftlichen Institutionen. Die Institution, die Schuld quasi in ihren Grundpfeilern miteingebaut hat, ist die katholische Kirche. Über viele Jahrhunderte war sie in unseren Breitengraden die stärkste Kraft. Sie hat unzählige Menschen glauben machen können, dass der Mensch – durch den Sündenfall Evas – eine Erbschuld hat, also schon als sündiges, schuldiges Wesen zur Welt kommt. Diese alten, tief verankerten Programme können (unbewusst) über Generationen weitergegeben werden – und bis heute in dir schlummern oder ablaufen,

  • … durch die Übernahme der gesellschaftlichen Überzeugungen, die wir von klein auf wie mit der Muttermilch einsaugen. Wir lernen: „das ist gut, das ist schlecht. Das tut man nicht“ und nennen es Moral. Wir übernehmen Glaubensmuster: „Geben ist seliger als Nehmen“,  „eine gute Tochter kümmert sich um die Eltern“ – und so weiter. Diese Glaubensmuster können uns schädigen – und trotzdem fühlen wir uns schuldig, wenn wir ihnen nicht folgen.

Auch eigene Erlebnisse können zu Schuldgefühlen führen. Laut dem Psychoanalytiker Erik Erikson bilden sich Schuldgefühle vor allem in der Kindheit – besonders im Alter von 3-6 Jahren – aus.

Du siehst – viele von uns tragen schon von Haus aus ein großes Paket an Schuldgefühlen in sich.

Wenn wir in einem stabilen System leben, kann es sein, dass diese Gefühle zwar im Hintergrund, im Unterbewusstsein existieren, aber (noch) keine Probleme machen.

Was aber passiert, wenn dein System – z.B. deine Familie – einen heftigen Schlag bekommt …?

Das Familiensystem

Jede Familie ist ein System. Jedes Mitglied dieser Familie steht auf einer bestimmten Position und in bestimmter Beziehung zueinander.

Stell dir mal ein Mobile vor, so wie es manchmal über den Betten von Babys aufgehängt wird.

An einem Konstrukt aus Stäben werden Schnüre aufgehängt, an dem kleine Figuren baumeln. Kommt nun ein Windhauch an das Mobile, wird es bewegt und es dauert eine Zeit, bis es wieder in Balance kommt.

Ähnlich ist das auch im Familiensystem.

Wenn ein Familienmitglied schwer erkrankt, kommt das ganze Mobile-System, wie durch einen heftigen Windstoß, stark ins Wanken. Die Figur des Schwerkranken zieht nach unten und andere Figuren versuchen ihre Position zu verändern, um auszugleichen und das System wieder in Ruhe, Stabilität und Balance zu bringen. Durch die Bewegung, die ins System gekommen ist, werden bis dato inaktive, „schlafende“ Themen geweckt – wie z.B. unterdrückte Gefühle, Konflikte – oder eben sehr oft: Schuldgefühle.

Wie sieht das in der Praxis aus?

Wenn ein Familienmitglied schwer krank wird, benötigt es Hilfe und wird abhängig. Umso weniger selbstständig oder selbstverantwortlich der Kranke noch leben kann und umso weniger Menschen da sind, die ihn unterstützen, umso mehr bleibt es an dem, der da bleibt. Rollen werden vertauscht – aus der schwerkranken Mutter wird ein hilfebedürftiges Kind, die Tochter wird zur sorgenden Mutter. Aus dem schwerkranken Vater, der bislang selbstständig für sich sorgte, wird ein verzweifelter, angsterfüllter Mensch – seine Tochter zu seiner Psychotherapeutin, die versucht, ihm die Gefühle abzunehmen.

Je nachdem, wie nah du als Angehöriger dran und verbunden bist mit deinem kranken Familienmitglied, kann ein unglaublicher Spannungsbogen zwischen deinem eigenen Leben und dem des Kranken entstehen. Viele pflegende Angehörige berichten, dass sie mit letzter Kraft versuchen, den Erwartungen des Erkrankten, den Sorgen, Ängsten, den schwierigen Alltagsbedingungen, die durch die Krankheit entstanden sind, gerecht zu werden – und sie das nur auf Kosten des eigenen Lebens machen können. Ihr Leben wird zur Wüste und auch sie brennen aus. Und selbst dann, wenn ihnen dieses Dilemma bewusst ist, kennen sie doch keinen Ausweg, denn sie fühlen sich verantwortlich – sie sind es ihrem Kranken „schuldig“ – und denken sie an sich, empfinden sie sich als egoistisch und verspüren Schuldgefühle.

Aus menschlicher Sicht ist dieses Verhalten allzu verständlich – aus systemischer Sicht auf Dauer nicht gesund. Gesund ist es, seine eigene Rolle einzunehmen – seine eigenen Gefühle zu fühlen – nicht die von anderen.

Wie kannst du das als Angehöriger umsetzen und trotzdem für dein krankes Familienmitglied da sein?

Was tun?

1.Dein Inneres klären

Als erstes kann es hilfreich sein, dass du beginnst, dich selbst zu klären.

Vielleicht hattest du beim Lesen eben schon Erkenntnisse, mit denen du arbeiten kannst?

Da das Thema Schuld und Schuldgefühle sehr komplex ist und oftmals sehr, sehr tief geht, kann es für einen selbst wirklich schwierig sein, alleine da heraus zu kommen und es zu lösen.

Erinnerst du dich? Schuldgefühle haben die Tendenz, eigene Lebensbereiche zu verschleiern – da kann ein professioneller Blick von außen sehr hilfreich sein.

Du kannst aber jetzt schon, wenn du magst, für dich hineinspüren in folgende Fragen:

  • Was ist deins – und was gehört an Themen und Gefühlen zu deinem Angehörigen?
  • Wie ist es um deinen Lebens-Raum bestellt – deiner Gesundheit, deiner Partnerschaft (oder dem Wunsch danach), deinem Job usw.? Wo ist dein Leben wie eine blühende Oase – und wo liegt es brach wie eine Wüste?
  • Wieviel Raum nimmt dein erkrankter Angehöriger in deinem Leben – deinem Raum – ein? Fühlt sich das gut an oder möchtest du das verändern? In welchen Bereichen möchtest du fortan für deinen Angehörigen da sein – und in welchen Bereichen nicht mehr?
  • Welcher Abstand – wieviel Nähe zu deinem Angehörigen passt für dich?

2.Das Außen klären und umsetzen

Wenn du Klarheit über diese Fragen gewonnen hast, kannst du beginnen, deine Erkenntnisse nun auch in die Tat umzusetzen.

Verschiedene Treffen können Sinn machen.

Eines, in dem du (mit oder ohne weitere Familienangehörige) dich mit deinem schwer kranken Angehörigen zusammensetzt und ihr euch austauscht über die aktuelle Situation, eure Ängste, Vorstellungen und Wünsche. Du kannst deinem kranken Angehörigen nun sagen, in welchen Bereichen du ihn zukünftig unterstützen willst – wo andere ihm helfen können – und wo du deinen eigenen Raum brauchst.

Du könntest noch ein weiteres Treffen mit deiner Familie bzw. dem engsten Kreis an Unterstützern deines erkrankten Angehörigen veranlassen. Dort könnt ihr besprechen,

  • Wer will – und kann – auf Dauer was leisten?
  • Welche Bereiche sind nicht abgedeckt – und wen könnte man dafür ansprechen und engagieren? Das können weitere Bekannte oder Freunde sein sowie professionelle Dienstleister (wie z.B. ambulante Pflegedienste).

So, du hast nun also für dich geklärt, wo du unterstützen möchtest – und wo deine eigenen Räume anfangen? Du hast das auch deiner Familie, den anderen Unterstützern und deinem kranken Angehörigen gegenüber klar kommuniziert?

Dann musst du es „nur noch“ durchziehen.

Du kannst dir bestimmt vorstellen, warum das „nur noch“ in Anführungszeichen steht. Denn, das, was ich dir als Ideal-Möglichkeit aufgezeigt habe, liest sich so easy – aber die Wirklichkeit hält oft viele Fallgruben bereit: Sei es, dass dein Angehöriger deinen Wunsch nach eigenem Raum nicht versteht und möchte, dass es nach dem alten Muster weiter geht. Sei es, dass sich andere Familienangehörige erstmal weigern, ihren Part oder auch mehr als bisher zu übernehmen. Oder dass schlichtweg das Geld fehlt für professionelle Dienste. Ach ja, und dass diese Schuldgefühle einfach nicht verschwinden wollen, jetzt, wo du alles umsetzt, sondern sogar noch stärker werden?

Das ist oft der Fall. Sie sagen dir, dass du ein besonders schlechter Mensch auf seinem Ego-Trip bist. Meiner Wahrnehmung nach zeigen dir hier deine Schuldgefühle aber in Wirklichkeit etwas ganz anderes an: Nämlich, dass du dabei bist, deine alte Grenzen zu überschreiten. Oftmals, wenn wir unser altes System verlassen, fühlt sich das erstmal nicht gut an, und unser altes System versucht, uns durch bestimmte Gefühle zur Umkehr zu bewegen. Nicht, weil es damit Recht hat – sondern weil es Angst hat.

Es geht nicht darum, von jetzt auf gleich alles zu 100% perfekt zu machen.

Es geht darum, dass du losgehst.

Es geht darum, dass du – obwohl du dich in extrem herausfordernden Phase befindest – lernst, auf dich acht zu geben.

 

Ich helfe dir dabei.

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